Kuehlschrankberatung
Samstag, 23. April 2016
Auf dem Dach der Welt –Teil II-
Liebes Tagebuch,

da lag ich nun in meinem Etagenbett und lauschte dem Rappeln der Bahn und zuckte regelmäßig im Anfall einer Schnappatmung zusammen. Die latente Übelkeit blieb latent. Der Schlaf hatte sich so weit verkrümelt, dass der Gedanke daran mich in hysterisches Gekicher manövrierte. 😁 Somit hatte mein Körper noch eine weitere schlaflose Nacht zu verkraften. Ich hoffte nur, dass dies zusammen mit der wahnsinnigen Höhe nicht zu einem Problem werden würde. 🙈

Ich drehte mich von einer Seite auf die andere und dann war es soweit. Ich musste mal. Ich rollte mich raus und fummelte an der Schlafwagentür herum. Irgendwie musste dieses Teil doch auf gehen. Meine Atmung war ungewohnt schnell. Die dünne Luft machte alles zu einem Akt. Und dann hatte ich sie offen und kroch müde durch den schmalen Flur der klappernden Tibetbahn.

Ich öffnete die Tür der Toilette und wurde augenblicklich mit einem scharfen Geruch nach Urin begrüßt. Ich war hier richtig, keine Frage. Die Toilette bestand aus einer Keramiköffnung im Boden. Kein Klo wie wir es kennen. Der grandiose „Vorteil“ dieser Öffnung in einer wackelnden Bahn war, dass noch weniger Urin die dafür vorgesehene Öffnung traf. Der Urin schwappte mir bereits beim betreten des Abteils entgegen. Großartig. So kommt man gleich auf den richtigen Geschmack. 😂

Mit unterdrücktem Ekel machte ich mein kleines Geschäft und begab mich wieder auf den Weg zum Schlafwagen. Auf dem Weg dorthin wurden meine Beine auf einmal ganz weich und mir wurde ganz schummrig. Die Höhe machte sich doch bemerkbar. Ich versuchte mich zu beeilen um bei etwaiger Ohnmacht bereits im Bett zu liegen. Dann könnte ich vielleicht daraus direkt in einen schlafähnlichen Zustand gleiten.😁 Das wär was. Somit eilte ich in meine Bude und legte mich schnaufend in das Bett.

Außer weiteren Schnappatmungen passierte jedoch nichts. Kein Schlaf. Zum Glück aber auch nichts Schlimmes. Kein Gehirnödem oder sonstige Anwandlungen einer Höhenkrankheit. 😅

Es wurde langsam hell auf dem Dach der Welt. Die merkwürdig karge Landschaft strich noch immer an uns vorbei. Trotz dieser Kargheit sah man viele Yaks und Schafe, die dort weideten. Eine total unwirkliche Welt.



Nach und nach krochen meine Mitreisenden aus dem Bett. Einer brach sich kurz aufs T-Shirt und verschwand direkt wieder mit seinem frisch Erbrochenem im Bett.
Ich schlich zum Frühstück. Von unserer 15-köpfigen Gruppe saßen gerade mal sechs Leute am Frühstück. Das Frühstück war ernährungsphysiologisch mal wieder ein absolutes Desaster. Aber dies war mir in Anbetracht der Umstände ziemlich egal. Es gab gebratenes Toast, das mit Ei und Zucker paniert war. Dazu noch Spiegeleier, die in einer Lache Fett schwammen. Die Marmelade dazu war undefinierbar. Außerdem gab es salziges Kraut dazu. Insgesamt eine Kombination, die einen unwillkürlich an die sanitären Anlagen denken ließ. Aber wie sagt man so schön, was einen nicht tötet härtet einen ab.

Nach einer müden Weiterfahrt erreichten wir unser Ziel, Lhasa.



Das Wetter meinte es immer noch gut mit uns. Wir machten uns auf den Weg zu unserem Hotel. Alle schlichen recht ruhig vor sich hin. Einige aus der Gruppe hatten sich die Nacht über übergeben und hatten unter der Höhe zu leiden. Ich für meinen Teil litt nur unter dem Schlafmangel. Die Höhe machte mir ansonsten keine Last mehr. 😊

Nachdem wir unsere Klamotten ins Hotelzimmer geschmissen hatten ging es auf die ersten Besichtigungstouren. Der Sommerpalast des Dalai Lamas. Eigentlich hätte man auch gerne einfach irgendwo vor sich hin vegetiert. Aber nun denn. Schlafen und vegetieren kann man ja später noch genug. Wir befolgten weiterhin den weisen Ratschlag unseres Reiseleiters viel, viel, viel zu trinken. Dies führte allerdings dazu, dass wir in sehr kurzen Abständen immer wieder Pipi mussten. Somit gab es sehr schnell die erste Konfrontation mit einem tibetischen Klo in Lhasa.



In Anlehnung an die Klos in der Bahn, handelte es sich lediglich um einen Spalt im Boden. Nix mit Klobrille oder so. Nein, einfach nur ein Loch zum rein machen. Um den Spalt herum auch in diesem Fall viel Urin und andere Belege, die einem bestätigten wo wir uns gerade befanden. Mir schien dieser Urlaub in Sachen Toilette und Hygiene eine echte Herausforderung zu werden. Dazu dann noch das total fremde Essen und die Herausforderung der Höhe .

Nach einem anstrengenden ersten Tag gab es dann abends das erste Essen in Lhasa. Viel eigentümlich zubereitetes und gewürztes Gemüse mit Yakfleisch, was sehr speziell schmeckt. In der Tendenz ziemlich knorpelig und vom Geschmack schon recht eigen. Aber schließlich wollte ich ja mal was von der Welt sehen und dazu gehört nun mal auch anderes Essen. Dazu gab es natürlich tonnenweise Reis, was ich mir allerdings sparte. Reis kannte ich und musste dies nicht probieren. Die Kohlenhydrate benötigte ich eh nicht. Zum Essen gab es viel schwarzen Tee und Wasser.



Erschlagen ging es dann ins Bett. Der nächste Tag wartete mit vielen weiteren Besichtigungen auf uns. Neben den weiteren Eindrücken von Lhasa konnte ich auch meine ersten kurzen Workouts absolvieren. 💪
Die Höhe machte sich hier tatsächlich limitierend bemerkbar. Wo sonst einfach kraftmäßig Schluss ist, war diesmal die Atmung der begrenzende Faktor. Mit 3400 m war Lhasa schließlich ganz schön hoch und die Luft ganz schön dünn. Aber es war ein wunderbares Gefühl die Muskeln wieder zu spüren. ☺

Das Essen hatte ich so weit auch wieder im Griff. Das für die Gegend klassische gedünstete Brot verweigerte ich. Genauso wie das Toast und den Reis. Ich schaffte wieder einen gewissen Faden in meine Nahrungsaufnahme zu bringen. Tibeter und Chinesen haben im Übrigen auch eine Tendenz zu mehr Übergewicht und zu Stoffwechselerkrankungen. Konzentrierte Kohlenhydrate sind nirgends wirklich gesund. Auch nicht wenn Buddha mit seinem wachsamen Auge auf einen aufpasst und man fleißig die Gebetsmühle ankurbelt. Das aber nur am Rande. 😉

Nach dem zweiten Tag in Lhasa mit tollen Eindrücken ging es wieder ans Sachen packen. Es stand eine weitere Reise an. Und zwar eine Busfahrt nach Shigatse. Und diese Busfahrt würde es in sich haben. Nicht genug, dass die Fahrt den ganzen Tag dauern würde. Nein, diese Fahrt würde über mehrere Pässe gehen. Der höchste Pass würde über 5000 m hoch sein. Ich hatte keine Ahnung was uns dort erwarten würde. Ich habe bereits in den Alpen immer etwas Muffen sausen wenn es um das Fahren in Serpentinen in der Höhe geht. 🙈Und dann das Ganze noch mit fremdem Busfahrer. Die Fahrkultur hier in Lhasa hatte eh etwas ziemlich Spezielles. Für uns Europäer ein nicht transparentes Gewusel mit einem permanent hohen Hup-Level. Aber nun denn, ich hoffte einfach, dass die Tibeter wissen was sie tun. 😊

Mit gepackten Koffern und vollen Erwartungen lagen wir dann irgendwann im Bett. Der Wecker war gestellt und die Aufregung für das anstehende Abenteuer brodelte so vor sich hin. Ich versuchte irgendwie in den Schlaf zu finden. Doch plötzlich fingen an die Wände an zu wackeln. Ich schreckte hoch. War das nun das Brodeln der Aufregung in mir oder gar das tibetische Essen, das sich gerade in den Windungen meiner Verdauung entfaltete? Nein, die Möbel und die Wände wackelten tatsächlich. Ein Erdbeben! 😨
Der Puls beschleunigte sich sofort. Bilder von starken Erdbeben der letzten Jahre schossen mir durch den Kopf. Irgendwie fühlt man sich selbst bei einem Erdbeben zu Hause sicherer. Obwohl es ja theoretisch egal ist. Es kann einen ja überall heftig treffen. Das Beben versiegte nach und nach. Übrig blieb schließlich nur noch das Brodeln der Aufregung in mir.

Ob das wohl alles war? Oder ob das nur ein kleines Vorbeben war? Ob die Fahrt über die Pässe wohl stattfinden würde? Viele Fragen wanderten durch mein kleines Frauenhirnchen. Und irgendwie kam ich nicht zur Ruhe. Das Brodeln und die vielen Fragen waren einfach zu hartnäckig. Mit der wachsenden Müdigkeit wuchs allerdings auch der Respekt vor der Bussfahrt über die Pässe. Würde ich in so einem müden Zustand wohl die Höhe vertragen oder würde ich diesmal zu den armen Individuen gehören, die sich aufs Shirt kotzen? Oder würde mir vielleicht sogar noch mehr aus dem Repertoire der Höhenkrankheit widerfahren?

Hier geht's zu Teil III:
https://kuehlschrankberatung.blogger.de/stories/2581035

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Letzte Aktualisierung: 2016.12.16, 19:49
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